Der jüdische Friedhof in Telgte
Bestandsaufnahme und Neugestaltung
von Klaus Beck
Von der frühen Neuzeit bis 1998
Jüdisches Leben ist in Telgte nach der „großen Seuche“ (Pest) in Westfalen von 1347-1351 erst wieder mit der fürstbischoflichen Erlaubnis von 1539 für den Münsterschen Juden Smuel, in Telgte Handel treiben zu dürfen, urkundlich nachweisbar. Erst 1555 erhielt der Jude Salomon das Aufenthaltsrecht von seinem Landesherrn für Telgte, der dann 1615 einen Begräbnisplatz „an den muiren bij der steenporten up den wal“ erwarb.
In der Folgezeit kam es immer wieder zum Streit zwischen Bürgerschaft und Juden wegen ihres Begräbnisplatzes mit der Folge, so dass ihnen vom Rat ein Friedhof von 335 Fuß Länge und 25 Fuß Breite 1769 am Wall am Steintor, einer alten Viehweide, zugewiesen wird. Doch der Friede mit dem Rat war nicht von langer Dauer. 1774 musste Kurfürst Maximilian Friedrich den Telgtern verbieten, Sand am jüdischen Friedhof zur Aufschüttung des Emsdammes an der Mühle abzugraben.
1767 begannen die Telgter ihre Stadtmauern zu schleifen; die Steine nutzten sie für den Häuserbau und das gewonnene Vorland als Garten. Aus religiösen Gründen weigerten sich die Juden 1787, ihre Toten zu exhumieren und den Friedhof zu verlegen. Dieser heftige Streit zwischen Telgter Rat und Juden wurde auch vom Landesfürsten in Münster nicht entschieden und zog sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hin.
Ab 1820 kann dann davon ausgegangen werden, dass die Telgter Juden ihre Toten auf dem heutigen jüdischen Friedhof begraben haben, denn 1822 wurden die letzten Reste des Steintores in Telgte abgebrochen, eine Beerdigung an dieser Stelle war dann wegen der geänderten Flächennutzung nicht mehr möglich.
1936 wurden mit Moritz Auerbach und Gerson Jacobs die letzten Telgter Juden auf dem „neuen“ jüdischen Friedhof begraben. Anfang 1941 zog mit Familie Jakob Auerbach die letzte jüdische Familie aus Telgte fort, so dass Bürgermeister Arensmeyer an die Regierung in Münster Telgte als „judenfrei“ meldete. Am 3. Juli 1942 erwarb die Stadt Telgte durch notariellen Kaufvertrag – auf angeblichen Antrag der jüdischen Kultusgemeinde Münster – den seit ca. 1820 bestehenden jüdischen Friedhof in Telgte. Heute ist er im Besitz des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen – Lippe; die Stadt Telgte hat seine Unterhaltung übernommen. Im Sommer 1942 wurden die Grabsteine systematisch abgeräumt und zur Befestigung des großen Emswehres verwendet. Die Gräber wurden eingeebnet, der Friedhof wurde zu einer Obstwiese.
Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft wurden die Obstbäume sofort entfernt und zwei der drei Grabsteine, die sich im Keller des abgebrannten Telgter Parteihauses wiedergefunden hatten, an alter Stelle wieder errichtet. Der dritte Grabstein steht heute auf Wunsch der Nachfahren des Toten auf dem jüdischen Friedhof in Münster.
Absicht der Nationalsozialisten war unter anderem, jegliche Erinnerung an jüdisches Leben in Deutschland zu tilgen. Dabei schreckten sie auch nicht vor der Beseitigung jüdischer Friedhöfe zurück. Die Auswirkungen dieser Schändungen wirken bis in unsere heutige Zeit fort, auch in Telgte. Der am 30. November 1998 gegründete Verein „Erinnerung und Mahnung“ hat sich auch zum Ziel gesetzt, durch Sichtbarmachen der Namen der auf diesem Friedhof Begrabenen, diese früheren Telgter Bürgerinnen und Bürger wieder in die städtische Gemeinschaft zurückzuholen und damit endgültig das Wollen der Nazis scheitern zu lassen.
Das Vorhaben des Vereins steht unter der Vorgabe, nur solche Veränderungen zu planen und vorzunehmen, die auf Zustimmung der jüdischen Kultusgemeinde treffen und in Abstimmung mit der Stadt Telgte zu verwirklichen sind. Eine Vielzahl von Ideen und Vorschlägen wurden gesammelt und erste Entwürfe gemacht. Doch immer wieder stellte sich heraus, dass sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht verwirklichungswürdig sind. Daher fasste der Verein den Beschluss, den Künstler Prof. Jörg Heydemann, Billerbeck, mit der konzeptionellen Erarbeitung eines Vorschlages zu betrauen. Dieser liegt nun vor.
In dem Abstimmungsprozess mit der jüdischen Kultusgemeinde in Münster und dem Landesrabbinat in Dortmund wurden Bedenken gegen die Erinnerung an die Telgter Juden, die durch den Holocaust ermordet wurden, vorgetragen, weil das dem Charakter des jüdischen Friedhofes zuwider laufe. Daher wird bei der Realisierung des Konzeptes darauf verzichtet, diese Namen auf der Glasstele zu nennen.


Wortlaut der Inschrift der Stele:
JÜDISCHER FRIEDHOF
SEIT CA. 1820
GESCHÄNDET 1942
DIE GRABSTEINE
WURDEN ALS FÜLLMATERIAL IM
GROßEN EMSWEHR
VERWENDET
ZUR ERINNERUNG
MATHILDA
BAT ZWI – 1826
DAVID JACOBSON ^ 1823 – 1835
MOSES
LOHN 1799 – 1849
RACHEL
PERLA 1761 – 1850
DAVID MEIER 1772 – 1852
ANSELM
AUERBACH 1772 – 1853
SELIG
JACOBSON 1775 – 1857
JAKOB
AUERBACH 1802 – 1869
URIAS JORDAN 1797
– 1872
JETTE
JORDAN 1804 – 1874
SALOMON
LEFFMANN 1788 – 1875
MINNA
JORDAN 1833 – 1876
JACOB
JACOBSON 1816 – 1886
NATHAN LEFMANN 1876 – 1878
OSEPH
AUERBACH 1874 – 1880
SIEGFRIED
LEFFMANN 1879 – 1880
JAKOB
LEFFMANN 1846 – 1883
SELIG
JACOBSON 1816 – 1886
HENRIETTE
LÖWENBERG 1797 – 1887
BERTA
AUERBACH 1810 – 1888
HANNE
AUERBACH 1805 – 1889
DAVID
AUERBACH 1830 – 1890
ROSA LOHN 1804 – 1891
JULIE
AUERBACH 1819 – 1903
LENA
AUERBACH 1834 – 1903
MIMI
AUERBACH 1872 – 1904
ARON
LÖWENBERG 1830 – 1905
PAULINE
AUERBACH 1846 – 1905
MATHILDE
AUERBACH 1869 – 1906
ALBERT
AUERBACH 1882 – 1906
MENDEL
AUERBACH 1834 – 1907
BERNHARDA
JORDAN 1830 – 1909
JULCHEN
AUERBACH 1870 – 1918
HELMUT
AUERBACH 1922 – 1922
LENI
AUERBACH 1914 – 1932
JACOB
AUERBACH 1871 – 1934
MORITZ
AUERBACH 1872 – 1936
GERSON
JACOBS 1862 – 1936
Der jetzige Bestand an Bäumen und Büschen wurde fast unverändert aufgenommen. Der Eingang ist an seine ursprüngliche Stelle am Hagen zurückverlegt und, wie auch beim angrenzenden christlichen Friedhof, eine Buchenhecke als Einfassung gepflanzt. Mehr als 10 m der ehemaligen Natursteinmauer wurde mit Sandstein bis zu einer Höhe von knapp 2 m wieder errichtet und an einer Seite durch ein zusätzliches Tor ergänzt, so dass ein stufenloser Zugang zum Friedhof für behinderte Menschen ermöglicht wird. Der ursprüngliche Weg über den Friedhof wurde wiederhergestellt. Er endet ohne Ausgang auf der gegenüber liegenden Seite vor der Buchenhecke. Der Blick wird über die außerhalb des Friedhofes gepflanzten drei Pappeln in die Weite des Himmels geleitet.
Die Umgestaltung wurde mit der feierlichen Übergabe des Friedhofs an den Landesverband der jüdischen Gemeinden von Westfalen - Lippe und die Stadt Telgte am 27. Oktober 2005 abgeschlossen. Am großen Emswehr wurde eine Gedenktafel, die an die dort eingebauten Grabsteine erinnert, angebracht.

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, schreibt in seinem Vorwort zur Broschüre zur Neugestaltung des jüdischen Friedhofs in Telgte:
„Nicht jeder Bürger meiner Herkunftsregion, aber viel zu viele meinten nach dem II. Weltkrieg, sie hätten nicht gewusst, was mit den Juden geschah. Nicht wenige hingegen hatten „ihre“ Juden, die sie kannten und denen sie doch keineswegs so abgewandt gewesen seien. Trotzdem wollte kaum jemand so richtig bemerkt haben, wie selbst Friedhöfe einfach von der Bildfläche verschwanden. Die Synagoge von Telgte und die Wohnung der Familie Mildenberg in derselben wurden gleich dreimal am 10./11. November 1938 verwüstet und anschließend verbrannt. Die Seelen der Toten auf dem neuen jüdischen Friedhof am Wallock konnten kein Zeugnis ablegen über die Frevler, als 1942 die Steine ihrer Gräber den Weg in das Wasser der Ems fanden. Noch heute fließt der Fluss. Sicher ist so manche alte Jahreszahl und so mancher hebräische und deutsche Buchstabe eines jüdischen Namen seither abgeschliffen worden, der Metzger-Dynastie Auerbach aus Telgte oder die von Löwenberg, Jacobson, Cohen, Steinberg und anderer Familiennamen mehr.
Sie liegen im Wasser, so wurde es hingenommen.
Doch der Fluss der Geschichte in Deutschland hat manche Windung und sogar Wendung genommen. Menschen einer neuen Generation sind herangewachsen und haben begonnen Fragen zustellen. Und sie beschlossen der Freveltat ein Zeichen entgegen zu setzen. Der jüdische Friedhof von Telgte soll eine Neugestaltung erfahren, die nicht verschweigt, sondern erinnert und auf dem Vorplatz bekennt:
Hier ist ein authentisches Zeichen der Menschlichkeit der heutigen Bürger gesetzt.
Ist es in der Auseinandersetzung mit denjenigen entstanden, die das Vergessen des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens bestehen gelassen hätten, das selbst vor den Seelen und dem heiligen Andenken an die Verstorbenen nicht Halt machte? Und all jener, die heute wieder meinen, der Minderheitenhass beträfe sie nicht? Oder gar solcher, die nichts gelernt haben wollen und am liebsten die Hatz wieder begännen?
Niemand soll mehr sagen können, er hätte nichts gewusst. Jedenfalls Niemand, der mit wachen Augen dort die Namen früherer Bürger von Telgte auf der Stele liest und den Friedhof wieder als jüdischen „guten Ort“ erkennen kann.“
Literaturhinweise:
Determann, Andreas/Susanne Freund, Jüdisches Leben in
preußischer Zeit, in: Werner Frese (Hrsg.), Geschichte der Stadt Telgte,
Münster 1999, S. 503-519, Heydemann, Jörg/Herbert Goldmann/Eva Geisendrees,
Jüdischer Friedhof, Telgte, Neugestaltung – Konzeption und Entwurf, Telgte 2004
Hohlstein, Michael, Jüdisches Leben in der frühen Neuzeit, in: Werner Frese
(Hrsg.), Geschichte der Stadt Telgte, Münster 1999, S. 181-192